
Der Zauber des Neuen
Ulm - Nürnberg - Fränkische Schweiz - Hof - Hirschkopf bei Carlsfeld - Tschechien
596 Kilometer, 6’000 Höhenmeter, 5 Fahrtage
„Seid ihr die Schweizer?“ ruft Heiko von seinem Balkon oberhalb der Talsperre Carlsfeld, als wir gerade einen regenbedingten Tenuwechsel vollziehen. Anscheinend hat sich unsere Anwesenheit im Ort herumgesprochen. Eine gute Stunde später verabschieden wir uns von dem sympathischen Mann nach einem Kaffee und dem Vorüberziehen der Regenwolken.

Aber wieso erkennt uns Heiko, den wir noch nie zuvor gesehen haben?
Am Tag zuvor planen wir, bei der Talsperre Carlsfeld zu zelten. Kurz vor Ankunft am See, essen wir bei der Bergstation eines kleinen Skigebiets die beiden lokalen Brot-spezialitäten Speckfettbem mit ausgelassenem Speck und Schieböcker mit kaltem Käse. Mit vielen anderen Gästen und dem Wirt kommen wir ins Gespräch und erzählen von unserer Tour, erfahren einiges über das Erzgebirge und die Herausforderungen des Wintersports auf unter 1’000 m ü. M. Christoph, der Wirt, bietet uns an, unter dem Vordach vom Starthaus des Skilifts zu übernachten. Ein einmaliger Schlafplatz. Dank dem wunderbaren Ort und dem offerierten Marillenschnaps schlafen wir trotz vollem Bauch wunderbar. Am Folgetag hat der unweit des Restaurants wohnende Heiko bereits von uns gehört. Wunderbar diese Zufälle!

Auf grossen Strassen kommen wir nach Nürnberg, wo wir ein Hotel für einen Pausentag beziehen und griechisch essen gehen. Auf dem Heimweg flanieren wir durch die Nacht, bis wir aus Versehen ins Rotlichtviertel geraten. In Nürnberg verabschieden wir uns von Sarina, die wieder arbeiten gehen muss, und fahren zu dritt weiter.

Alte Stadtmauern, Kirchen, Schlösser, Burgen und Häuser aus dem 16. Jahrhundert begleiten uns auf der Fahrt in den Osten Deutschlands. Trotz der wunderschönen Architektur bin ich froh, nicht im Mittelalter gelandet zu sein. Eine Eisdiele mit Erdbeer-Bechern hätte es damals definitiv noch nicht gegeben, und auch die Reiselogistik wäre ohne die heutigen Karten, das Internet und die einfachen Bezahlmöglichkeiten herausfordernder gewesen!

Es folgt eine kurze Tagesetappe, die jedoch durch die Hölle führt. So heisst dieser Ort in Oberfranken. Auch die Hitze passt dazu. Die aktuelle Dürre erschreckt uns. Es sieht aus wie in den trockenen Regionen Spaniens oder Frankreichs. Die Bäume, Wiesen und Äcker leiden extrem unter dem fehlenden Regen dieses Sommers. Auch wir leiden während den heissesten Stunden des Tages unter der Hitze von beinahe 40 Grad. Umso schöner sind die Zeltnächte.

In einem Wäldchen finden wir einen idyllischen Fischweiher, in dem wir uns nach dem Zeltaufstellen mit einem kühlen Bad erfrischen und anschliessend auf dem Boden liegend in den Sternenhimmel schauen. Wegen der Geräusche im umliegenden Wald wird es aber nicht für alle in der Gruppe eine erholsame Nacht.

Zwei Tage später zelten wir nach dem bislang längsten Tag auf dem Velo mit über 155 Kilometern und einigen Höhenmetern an der Ködeltalsperre, dem „fränkischen Fjord“ bei einem Rastplatz mit zwei Holzliegen, einer Schutzhütte und einem grosszügigen Tisch, an welchem wir unser Nachtessen genüsslich verspeisen. Freude herrscht: Endlich ist er da, der für Velotouren typische Hunger!

Anschliessend machen wir es uns noch auf einer Holzliege bequem und schauen lange dem Spektakel am Sternenhimmel zu. Abgeschirmt vom Frankenwald sehen wir diesen in seiner vollen Pracht. Dank dem Perseiden Meteorstrom bewundern wir so viele und spektakuläre Sternschnuppen wie noch nie zuvor. Wieder einmal sind wir dank einer Velotour zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Hier im Osten von Deutschland fällt es uns erstaunlich leicht, Kontakt aufzunehmen. So kommt es zu verschiedenen schönen Begegnungen:
- Als wir am Handy eine Bäckerei suchen, spricht uns ein Rennradfahrer an und begleitet uns prompt zu seiner Lieblingsbäckerei im Ort.
- Den Zmorgenhalt machen wir bei einer Bäckerei im Industriegebiet. Neben uns ist der Stammtisch einiger Pensionäre, die das Weltgeschehen verhandeln.
- Eine lustige Begegnung haben wir in einem kleinen Feinkostgeschäft. Uwe, der Besitzer, vermisst „die guten alten Zeiten“ in der DDR. Allgemein findet er vieles und viele ziemlich doof. An Manuel und mir hat er jedoch Freude, verbringen wir unsere Freizeit ja in der Natur und nicht vor dem Bildschirm. Ein unterhaltsames Gespräch begleitet von einem hervorragenden Blutorangen-Radler.
Am Sonntag erreichen wir nach einem längeren Aufstieg auf schönen Waldwegen unser drittes Reiseland, Tschechien. Es folgt der bislang landschaftlich schönste Abschnitt der Tour. Auf perfekten Radwegen fahren wir durch Wälder und an Moorlandschaften vorbei durch die hüglige Landschaft. Langsam sind wir im Tourenmodus angekommen.

Impressionen DER letzten wochen vor dem start:






