
Goldener Herbst
8. Woche: Warschau, Polen - Łódź - Park Krajobrazowy Dolina Baryczy - Niederschlesien - Tschechien, 568 Kilometer, 2‘516 Höhenmeter, 5 Fahrtage
Am Montagabend treffe ich mich mit meiner Reisebekanntschaft Wojtek aus Warschau. Bei unserer kurzen Begegnung in Estland hat er mir eine Stadtführung angeboten. Ich freue mich sehr über das Wiedersehen. Gleich zu Beginn geht es hoch hinaus auf die Aussichtsplattform des Varso Towers. Es ist mit 310 Metern das höchste Gebäude der Europäischen Union. Im Aufzug fühle ich mich fast wie beim Start einer Achterbahn, so schnell schwebt man in die Höhe! Es ist der perfekte Ort, um einen Überblick über die Stadt zu gewinnen und viel Spannendes über verschiedene Gebäude und Quartiere zu erfahren.

Anschliessend machen wir einen langen Spaziergang durch die Altstadt, die nach dem zweiten Weltkrieg komplett neu aufgebaut werden musste. Bis heute sind zum Teil sehr grosse Rekonstruktionen in Planung.
Warschau gefällt mir so gut, dass ich spontan beschliesse, noch einen Tag länger zu bleiben.

Auch kulturell bietet die Stadt sehr viel. Ich besuche das Museum der Geschichte der polnischen Juden. Es ist eines der modernsten Museen, die ich jemals besucht habe. Der spannenden, von viel Tragik durchzogenen Geschichte wird ein passender Rahmen geboten.

Im Museum of Modern Art besuche ich die Ausstellung „IN THE VERY BOWELS OF CHANGES: SURREALISM AND ANTIFASCISM“, die einen spannenden Einblick in das Leben und Schaffen der Künstler rund um den zweiten Weltkrieg und den Spanischen Bürgerkrieg bietet. Auch die kleine Ausstellung eines zeitgenössischen polnischen Malers gefällt mir sehr gut. Er zeigt das Leben seiner armen Familie auf dem Land. Mein Eindruck der letzten Fahrradtage wird bestätigt. Neben der sehr modernen und wohlhabenden Stadt Warschau gibt es auf dem Land viele Leute, die nicht vom Wirtschaftswachstum der letzten Jahrzehnte profitiert haben. Im Gegenteil. Die Landflucht mit all ihren Nebenerscheinungen ist offensichtlich ein grosses Problem. Dafür kommen viele junge Leute aus dem Ausland zurück in ihr Heimatland. Die Perspektiven für gut ausgebildete Arbeiterinnen scheinen grundsätzlich gut zu sein.

Das erste Schönwetterfenster seit langem kann mich nach zwei Tagen wieder von Warschau fortlocken. Nach einigen langweiligen Kilometern durch die Aussenquartiere mache ich in einem Wald an einem Weiher eine Pause. Mein kleiner Campingstuhl erregt das Interesse von zwei Polinnen auf ihren Fahrrädern. Wir kommen ins Gespräch. Sie laden mich zu einem Kaffee aus ihrer kleine Presse ein, und wir verbringen eine kurzweilige Pause zusammen.

Kurz darauf treffe ich eine andere Velotourenfahrerin. Die ursprünglich aus der Türkei stammende Frau lebt seit langem in Warschau. Ich finde es spannend, aus ihrer Perspektive als junge Frau mit einem anderen kulturellen Hintergrund mehr über das Leben in der Stadt zu erfahren. Gemeinsam gehen wir noch in eine „Bar Mleczny“ bevor sich unsere Wege wieder trennen.

Diese Milchbars sind einer der Gründe, die Polen für mich zum bislang liebsten Reiseland der Tour machen. Diese staatlich subventionierten „Kantinen“ bieten frisch gekochte, sehr leckere polnische Hausmannskost zu bemerkenswert günstigen Preisen an. Ich lese einen Artikel, der diese Restaurants als „den wohl demokratischsten Ort in Polen“ beschreibt. Diesen Eindruck teile ich. Neben mir essen Handwerker, Büroangestellte an ihren Laptops, Mütter mit ihren Kindern, Studenten und andere Touristen. Für uns Auswärtige ist es jedoch eine Herausforderung. Die aktuellen Angebote sind auf Polnisch auf einer grossen Schiefertafel aufgeführt. Was ausverkauft ist, wird durchgestrichen, und wenn das Essen zum Abholen bereit ist, wird das laut ausgerufen. Zu erkennen, ob man gemeint ist oder jemand anderes, ist gar nicht so einfach.

Bei einem sehr schönen Fahrradladen in der Stadt Łódź kann ich mein Velo wieder einmal perfekt pumpen. Für mein Velo gibt es ein fehlendes Lenkerband und für mich einen vorzüglichen Cappuccino. Wir sprechen lange über das Velofahren und zahlen darf ich nur den Kaffee. Dafür stehe ich noch Model für einen sehr netten Post auf der Instagram-Seite des Geschäfts:
„Das ist Sam. Sam befindet sich auf der Reise seines Lebens. Nach 4.000 km legte er einen Kaffeestopp ein. Nun kehrt er in seine Heimat, die Schweiz, zurück. Gute Reise, Sam!“

Bei schönstem Wetter kann ich die Zeit und das Velofahren endlich wieder richtig geniessen! Sogar auf den Sandpisten, die mich noch immer regelmässig begleiten.

Auf den ansonsten sehr gut unterhaltenen, einsamen Strassen durchquere ich das flache Land. Meine Nächte verbringe ich grösstenteils im Zelt in Wäldern. Ich lebe meinen Traum!

Der grösste Unterschied zu den kalten und regnerischen Vorwochen ist, dass die Pausen an der Sonne endlich wieder richtig erholsam sind. Ich muss mich nicht unterstellen und schauen, dass ich warm kriege, sondern kann meinen Campingstuhl an einen schönen Ort stellen und die Natur geniessen.

Im Park Krajobrazowy Dolina Baryczy finde ich ein wahres Vogelparadies. Ich fahre an abertausenden Vögeln vorbei, die ebenfalls auf dem Weg in den Süden sind. Auf riesigen Wasserflächen, ausgetrockneten Seen, in den Baumkronen und im hohen Gras sitzen sie. Ein Spektakel.

Der grosse Höhepunkt dieser Woche sind die ersten Erhebungen, die am fernen Horizont erscheinen. Nach rund sieben Wochen ohne richtige Berge geniesse ich die Aussicht, die ersten Anstiege und besonders die erste Abfahrt!

In Legnica, einer Stadt im heute polnischen Niederschlesien, gönne ich mir eine Hotelübernachtung. Neben mir sind gefühlt nur Deutsche im Hotel, die sich hier regelmässig treffen, um ihre Verwandtschaft in der vormaligen Heimat zu besuchen. Die Geschichte dieser Gegend ist spürbar. Mich irritiert das Verhalten der einen Gäste. Sie handeln und sprechen, als wären sie hier zuhause. Deutschkenntnisse werden in einer grossen Selbstverständlichkeit vorausgesetzt. Ich frage mich, ob der eine oder andere hier von einem Wiederanschluss träumt…
Abends spaziere ich durch das schöne Städtchen. Spontan werde ich in der Kirche zum Jazzkonzert einer lokalen Wohltätigkeitsorganisation eingeladen. Ein schöner Tagesabschluss.

Am Sonntag fahre ich nach Tschechien. Mein Zelt stelle ich am Rand einer Wiese in einem Wäldchen auf. Als ich meinen Znacht koche, höre ich plötzlich laute Schritte. Ist das ein Hirsch? Diese Hoffnung wird zerschlagen, als das vermeintliche Tier plötzlich eine Taschenlampe einschaltet und beginnt, auf Tschechisch auf mich einzureden. Ein stämmiger tschechischer Jäger hat sein Revier überprüft und mich gefunden. Keine angenehme Überraschung. Mit dem Übersetzer auf dem Handy erkläre ich ihm, wer ich bin und was ich mache, worauf er sich wieder beruhigt. Am Schluss versteht er mein „Weidmannsheil“, ist wieder versöhnt mit der Situation, und ich kann auch in dieser Nacht wunderbar schlafen.

Impressionen DER letzten wochen vor dem start:






