
Stacheldraht und Freiheit
7. Woche: Riga, Lettland - Litauen - Dreiländereck Litauen/Polen/Russland - Warschau, Polen, 722 Kilometer, 3’004 Höhenmeter, 6 Fahrtage
Ich werde in dieser Woche häufig daran erinnert, dass der Krieg in der Ukraine in den baltischen Staaten deutlich näher am Alltag der Menschen ist als bei uns in der Schweiz. Das Nachbarland Russland bereitet vielen Leuten verständlicherweise grosse Sorgen.
Entlang des Grenzflusses zur russischen Oblast Kaliningrad fahre ich durch Litauen. Diese Region des Landes fühlt sich auf meiner Fahrt einsam, arm und von der Infrastruktur her unterentwickelt an. Landschaftlich ist es sehr schön. Die Weite hat es mir angetan.

Am Donnerstagabend erreiche ich den Vištytis-See. Er liegt friedlich inmitten einer schönen Waldlandschaft. Ich fahre an normalen, gepflegten Einfamilienhäusern mit schönen Gärten vorbei, wie sie auch in der Schweiz stehen könnten. Wie aus dem Nichts erscheint die russische Grenze. Stacheldraht, Zäune, Kameras, Türme zur Überwachung und Warnschilder. Das Bild, welches sich mir präsentiert, beschäftigt mich noch lange. Es ist traurige Realität, passt aber nicht in mein Weltbild eines offenen, friedlichen Europas. Einmal mehr wird mir bewusst, was für ein Privileg meine Reise ist!

Ein schönes Bild sind die Zugvögel, die über die Grenzzäune fliegen. Sie lassen sich von diesen menschengemachten Grenzen nicht aufhalten!

An diesem Abend zelte ich am Ufer des Vištytis-See. Es ist der wohl sicherste Wildzeltplatz der Reise. So häufig wie hier patrouillieren Polizei, Militär und Grenzschutz wohl nur an wenigen Orten… Über Kaliningrad geht die Sonne mit einem spektakulären Farbspiel unter. Die Schönheit der Natur wird zum Glück nicht von uns Menschen gesteuert.

Schade, kann ich Kaliningrad nicht bereisen! Im Jahr 2010 sah die Welt noch anders aus. Beim Dreiländereck Litauen-Polen-Russland wurde ein neues Denkmal errichtet und die Zusammenarbeit gelobt. Heute prägen auch hier Grenzzäune und Kameras das Bild.

Zu Beginn der Woche mache ich in Riga einen Pausentag. In der Staatsoper schaue ich mir das Ballett „An der schönen blauen Donau“ an und erkunde die Stadt mit ihren schönen Parkanlagen zu Fuss. Ein Highlight ist der beste Mandelgipfel der Tour. Geschichtlich interessante Museen zur sowjetischen Okkupation und zum Ghetto stimmen mich nachdenklichen.

Der Widerstand gegen Russland zeigt sich in Riga auf eine tolle Art. Ich schaue mir die russische Botschaft an der „Strasse der ukrainischen Unabhängigkeit“ an. Vor vier Jahren entschied die Stadt, sie als Zeichen gegen den Krieg umzubenennen. Die Post stellt seitdem offenbar keine Briefe zu, wenn der Umschlag nicht ordnungsgemäss mit der neuen Adresse beschriftet ist. Vor dem Gebäude wehen viele gelb-blaue Ukraine-Flaggen, und auf der Fassade gegenüber hängt ein beinahe fassadenfüllender Totenkopf mit den Gesichtszügen Putins.

Die Situation stelle ich mir aber in Anbetracht der grossen russischen Minderheit im Land sehr schwierig vor.

Die Velofahrten diese Woche sind zumeist „Type 2 fun“ (Aktivitäten mit geringem Spassfaktor, die erst im Nachgang positiv wahrgenommen werden). Das Wetter ist häufig kalt und feucht. Der Wind weht meist von der falschen Seite. Die Strassen sind nass, matschig und sandig. Manchmal muss ich mein Velo im flachen Gelände stossen. Für einmal ist nicht der Weg das Ziel, sondern die Ankunft in Warschau.

Immer schön sind unkonventionelle Pausen, die mich in dieser kalten und nassen Woche mangels Alternativen unter anderem in eine Gemeindeverwaltung führen.

An einem Abend komme ich zufällig an einem Dorffest vorbei. Hauptattraktion ist der Busschiebwettbewerb. Schön diese Zufälle.

Es ist auch die Woche der Pannen. Der erste Platten ist trotz matschiger Strassen und verdrecktem Velo im Schutz einer Bushaltestelle schnell geflickt.

Der nächste Defekt fordert mich deutlich stärker heraus: Nach 50 gefahrenen Kilometern beginnt es am Mittwoch leicht zu regnen. Der Regen begrüsst mich, und meine Schaltung verabschiedet sich. Alles ist blockiert! Die letzten Kilometer bis zu einem Restaurant fahre ich gezwungenermassen „single speed“.
Im Restaurant des Litauers Giedrius, der lange in Deuschland gearbeitet hat und gut Deutsch spricht, esse ich Zmittag. In diesem Lokal wurden vor fast 100 Jahren kleine Teigtaschen mit Fleischfüllung erfunden. Noch heute werden diese in Handarbeit produziert. Frisch gestärkt wage ich mich an die Reparatur. Der Ersatz der Schaltzüge dauert extrem lange. Zuerst bringe ich das alte, zerfranste Kabel kaum raus, abschliessend brauche ich aus verschiedenen Gründen mehrere Anläufe, einige Erklärungsvideos auf Youtube und einen Einkauf von zusätzlichen Schaltzügen im lokalen Baumarkt. Zum Glück bietet mir der Restaurantbesitzer kurz vor dem Aufgeben einen Taxiservice an!

Zwischendurch ergibt sich ein schönes Gespräch mit einer Gruppe US-Amerikanern mit litauischen Wurzeln. Nachdem mein Velo wieder funktionsfähig ist, lädt mich Giedrius noch zu einem Kaffee ein, ich gehe im Supermarkt mein Abendessen einkaufen und fahre nochmals eine gute Stunde in den Sonnenuntergang. Mein Durchhaltewillen wird auf einer sehr nassen, rutschigen und schlechten Strasse noch ein letztes Mal geprüft.

Als mein Zelt auf einem kleinen Stück Wiese in einem Wald neben der Strasse steht, bin ich stolz, alle Herausforderungen gemeistert zu haben, aber auch sehr müde.

Was zusätzlich Energie kostet, sind die Hunde. In dieser Region Lettlands und Polens habe ich die schlimmsten Hundebegegnungen auf all meinen bisherigen Reisen. Als mich einmal fünf grosse Hunde länger verfolgen und umzingeln, habe ich das erste Mal wirklich Angst, gebissen zu werden. Zum Glück geht nochmals alles gut aus. Aber nach diversen Begegnungen mit aggressiven Hunden in kurzer Zeit spüre ich, dass ich immer leicht angespannt unterwegs bin und auch etwas schreckhaft.

Meine Erfahrung mit Tiefpunkten auf Reisen bewahrheitet sich ein weiteres Mal. Am Sonntag fahre ich bei bestem Wetter in die Millionenmetropole Warschau. Eine eindrückliche Stadt mit ihrer Altstadt und den gigantischen Hochhäusern. Am Ufer der Weichsel trinke ich ein Bier mit Sirup, das mir meine Cousine, die mal in Warschau gelebt hat, als lokale Spezialität empfohlen hat. Der ganze Tag ist ein grosses Highlight.

Nach längerem Suchen finde ich am Abend den Schlüssel zum Appartement, das ich in einem gigantischen Plattenbau mit 420(!) Wohnungen gemietet habe und freue mich auf die Zeit in dieser mir vollkommen unbekannten Stadt!

Impressionen DER letzten wochen vor dem start:






