
Viele Wetterkapriolen, Seemeilen, Eindrücke & Länder
6. Woche: Stockholm - Nachtfähre nach Turku, Finnland - Helsinki - Fähre nach Tallinn, Estland - Riga, Lettland, 561 Kilometer, 2’165 Höhenmeter, 6 Fahrtage
Meine Fähre nach Finnland legt erst am Montagabend ab. Deshalb besuche ich vorgängig ein Museum, in dem das Wrack des Vasa-Kriegsschiffes aus dem Jahr 1628 zu sehen ist. Einst als verschwenderisch dekoriertes Prunkstück der damaligen Grossmacht Schweden gebaut, ging das Schiff bei seiner Jungfernfahrt kurz nach dem Ablegen im Hafen von Stockholm unter. Dank unzähliger Arbeitsstunden der Konservatoren ist das Schiff extrem gut erhalten. Ob das für die Landratte aus einem Binnenstaat eine optimale Vorbereitung für die lange Überfahrt ist? Den Mut für die nächtliche Reise nach Turku lasse ich mir von der eindrücklichen Ausstellung aber nicht nehmen.

Nach einer wunderbaren Nacht im schönen Zimmer auf der Fähre beginnt der Tag militärisch. Von einem akustischen Signal werde ich unsanft geweckt. Die Durchsage des Captains, das kurz darauf folgende intensive Klopfen und das Öffnen der Zimmertüre wecken Erinnerungen an die Rekrutenschule. Trotz diesem ruppigen Start in den Tag geniesse ich mein Frühstück im Bett mit Aussicht auf die ersten finnischen Landzungen. Zehn Sekunden vor der fahrplanmässigen Ankunft können wir das Schiff bereits verlassen.

Die kurze Etappe durch Finnland bereitet mir grosse Freude. Weite Landschaften, wenig Autoverkehr, wunderbares Wetter mit schönen Wolkenspielen am Himmel. Bei diesen Bedingungen kann mich auch der Gegenwind nicht demotivieren.

Am Dienstagabend esse ich in einem nepalesischen Restaurant, in dem gerade ein „Pasni“ gefeiert wird. Damit wird die erste feste Mahlzeit des jüngsten Familienmitgliedes zelebriert. Allgemein bin ich in Finnland positiv überrascht, wie offen und nett die Menschen sind. Es gibt wieder deutlich mehr Begegnungen und Gespräche als im fast menschenleeren Schweden.

Nach dem bislang längsten Tag auf dieser Tour, finde ich nach dem Znacht einen wunderbaren Zeltplatz direkt an einem einsamen See. Als erfahrener Wildzelter höre ich mich vor dem Aufbau des Zeltes einige Minuten lang nach störenden Geräuschen um. Es ist mucksmäuschenstill. Doch wie könnte es anders sein: Kaum ist das Zelt aufgebaut, fliegen dutzende Zugvögel herbei und geben mir bis in die frühen Morgenstunden ein ohrenbetäubendes Vogelkonzert. Ich ziehe diese Geräuschkulisse dem Lärm der „Vögel“ auf dem Landeanflug nach Kloten vor, den ich jeweils zu Hause im Bett höre.

Helsinki durchquere ich mehr oder weniger direkt und geniesse einen frisch gerösteten Kaffee in der Nähe des Fährhafens, bevor ich nach Tallinn übersetze.

In Estland angekommen, gönne ich mir einen freien Nachmittag. Ich besuche die imposante Altstadt aus dem 13. und 14. Jahrhundert und die neueren Quartiere mit moderner, westlicher Architektur. Ein Kontrast, der mir sehr gut gefällt. Wie so oft auf dieser Reise ist der Höhepunkt aber nicht eine bekannte Sehenswürdigkeit, sondern eine zufällige Begegnung.

Mein Vater hat mir einen Zeitungsartikel über Estland geschickt. Davon angeregt gehe ich am Abend ans Meer, um mir die Konzerthalle Linnahall anzuschauen. Dieses verlassene Gebäude ist anlässlich der olympischen Spiele von 1980 in Moskau erbaut worden und steht seither grösstenteils leer.

Per Zufall komme ich bei dieser Gelegenheit mit einigen Leuten ins Gespräch, die vor einer Sauna am Meer sitzen. Einer der Männer, Jörn, ist ein nach Tallinn ausgewanderter deutscher Uniprofessor mit estländischen Wurzeln. Er betreibt hier in Freiwilligenarbeit gemeinsam mit seiner Frau und weiteren engagierten Freunden eine kommunale Sauna mit Holzfeuerung. An diesem Abend ist eine Gruppe deutscher Herren, während ihres Bildungsurlaubs, zu Besuch. Jedes Jahr eine zusätzliche, bezahlte Urlaubswoche für Weiterbildung ist in fast allen deutschen Bundesländern möglich. Oder wie es einer der Urlauber scherzhaft sagt: „Ich könnte auch eine Woche lang häkeln gehen“. Schön für sie und für mich, komme ich doch dank ihrer Reise in den Genuss eines gemütlichen Saunaabends mit Abkühlungen im Meer.

Kleiner Exkurs zum Thema Saunakultur: Öffentliches Saunieren findet hier im Norden traditionellerweise mit Badekleidung und nach Geschlechtern getrennt statt. Wir gehen in deutscher Manier unkompliziert im Meer baden. Jörns trockener Kommentar dazu: „Wenn ihr eine Badehose dabeihabt, könnt ihr die gerne anziehen, wenn nicht, wird der Tallinn Teletorn wegen einigen nackten Deutschen auch nicht einstürzen.“
Wenn der Wetterbericht nicht gut ist oder die Route, motiviere ich mich, indem ich mir verschiedene Zwischenziele setze. Das kann so aussehen: Nach 20 Kilometern gibt’s eine Pause mit leckeren Eggs Benedict, nach weiteren 20 Kilometern eine Supermarktpause und wieder eine Stunde später besuche ich schon die nächste Bäckerei. Mit dieser „Karotte“ als Lockmittel kommt auch der störrischste Esel gut voran. Auf diese Taktik muss ich in den nächsten Tagen regelmässig zurückgreifen.

Mein Weg führt mich entlang der Baustelle für das Baltic Rail Project, welches Berlin ab 2030 mit Tallinn und zukünftig dank eines Tunnels sogar mit Helsinki verbinden soll. Es werden in der ersten Bauphase gegen 25 Milliarden Euro investiert. (Die zweite Röhre des Gotthards soll nicht einmal 10% davon kosten.) Dementsprechend sind gefühlt alle Kipplaster des Landes hier im Einsatz. Auf der sonst ruhigen Nebenstrasse donnern im Minutentakt und mit einem unglaublichen Lärm mit Erde beladene Dreissigtönner an mir vorbei. Überall hat es Staub, der sich mit der Zeit an allem festsetzt. So macht die Fahrt leider keine Freude!

Ich bin sehr froh, als ich an diesem Abend, wenige Minuten vor einem starken Regenguss, einen öffentlichen, kostenlosen Zeltplatz erreiche. Direkt an einem See hat es eine wunderbare Zeltwiese, einen Unterstand, eine Toilette und sogar WLAN. Nachdem der Regen vorbeigezogen ist und ich mich mit einer Bouillon etwas habe aufwärmen können, picknicke ich, bevor ich mich ins Zelt verkrieche. Der Nachteil des Internets ist, dass ich - Youtube sei Dank - viel später schlafe als in der freien Natur. Das Flutlicht, welches die ganze Nacht über seinen Dienst erfüllt, hilft auch nicht.

Nach einer etwas unruhigen Nacht aufgrund des Lärms aus der nahen Fabrik, die rund um die Uhr in Betrieb ist, erwache ich etwas "verchrugelet". Es folgt ein wunderbarer Vormittag auf meist einsamen Strassen, vorbei an Äckern und Wiesen, durch Wälder und Moore bis zur Küstenstadt Pärnu, wo ich einen phänomenalen Zmittag im bislang besten Restaurant der Reise geniesse. Besonders toll hier in Estland sind die Extras: Brot mit aufgeschäumter Kräuterbutter und gratis Trinkwasser, meist in schönen Karaffen mit Kräutern und Zitrone.

Bei heftigem Gegenwind fahre ich noch einige Kilometer dem Meer entlang bis zum Campingplatz „Lemme“, welcher vom RMK, dem estländischen Forstamt, betrieben wird. Im ganzen Land gibt es solche kostenlose, öffentliche Plätze. Meist verfügen sie über gratis Brennholz, Trinkwasser und eine Trockentoilette.
Auf dem riesigen, beinahe leeren Gelände lerne ich Wojtek aus Warschau kennen, der eine Motorradtour durch Skandinavien unternimmt und aktuell auf der Heimreise ist. Wir haben ein sehr interessantes Gespräch über seine Jugend, als Sohn eines Lehrerehepaars, im zuerst sozialistischen und anschliessend kapitalistischen Polen, die er als positiv, aber auch sehr intensiv beschreibt. Anscheinend sind ihm sogar einmal seine Turnschuhe gestohlen worden, und er musste in den Socken nach Hause zurückkehren. Das sei zu jener Zeit normal gewesen. Er erzählt mir eindrücklich vom Wandel Warschaus in den letzten Jahren von einer „Provinzstadt“ mit vielen verdriesslichen Menschen zur internationalen Metropole. So habe ich jetzt auch ein neues Zwischenziel auf meiner Velotour.

Am nächsten Morgen fahre ich nach Lettland. Der erste Supermarktbesuch im neuen Land stimmt mich äusserst positiv. Sämtliche Backwaren werden frisch und in viel Handarbeit vor Ort hergestellt und schmecken dementsprechend gut. Für meine interne Veloreiseland-Bewertung ein sehr hoch gewichteter Punkt.

An diesem Tag macht die Fahrt aber ansonsten leider absolut keine Freude. Ein extrem starker, laminarer Gegenwind vom Meer her, die vielbefahrene A1 nach Riga, häufig ohne Seitenstreifen für mich als langsamen Velofahrer und der konstante Lärm der überholenden LKWs sorgen für miese Stimmung.

Aber auch solche Tage gehen vorbei. Die Hauptstadt erreiche ich leider wegen des mässigen Wetters und des extremen Gegenwindes erst am Sonntag. Nach einer wunderbaren Zeltnacht direkt am Meer und einem Bad in der Ostsee bin ich gut erholt. Die unvergessliche Fahrt direkt am Strand ist ein versöhnlicher Abschluss dieser herausfordernden Woche.

Begegnungen dieser Tage:
- In einer Bäckerei komme ich mit den Betreiberinnen ins Gespräch. Es ergibt sich eine schöne Unterhaltung und am Schluss wollen sie mir unbedingt noch etwas mitgeben. Geschenkte Macarons schmecken natürlich besonders gut.
- Als ich auf dem Radweg fahre, hält auf der Strasse neben mir plötzlich der Fahrer eines Oldtimers. Peter ist in seinen jungen Jahren viel gereist, häufig per Autostopp. Er ist sehr an meiner Reise und dem Leben in der Schweiz interessiert und stellt viele Fragen. Es stört ihn überhaupt nicht, dass er auf der Hauptstrasse steht. Ich bin jedoch davon gestresst, Teil dieser Verkehrsberuhigungsmassnahme zu sein. Als es wegen eines LKWs, der am stehenden Peter vorbeifahren möchte, fast zu einem Unfall kommt, erreiche ich den höchsten Puls des Tages. Mein neuer Bekannter ist da deutlich weniger beeindruckt. Er meint nur: „They have to learn how to drive a car!“.
Impressionen DER letzten wochen vor dem start:






